Im Mittelpunkt eines Gottesdienstes mit Apostel Kasper stand das Wort aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 41, Vers 10: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch. Ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit."
Angst gehört zum Leben – aber sie hat nicht das letzte Wort
Der Apostel machte zu Beginn deutlich: Das Wort „Paradies" lasse sich in seinem ursprünglichen Sinn auch als „angstfreie Zone" verstehen – der Zustand, den Gott dem Menschen einst verheißen hat und zu dem alles hin entwickelt, wenn wir einmal bei ihm sein werden. Bis dahin gebe es aber vielfach Grund und Ursache zur Angst – manchmal mit klarem Anlass, manchmal ohne erkennbaren Grund.
Genau in eine solche Situation hinein sei das Bibelwort ursprünglich gesprochen worden: Das Volk Israel stand schwer unter Bedrängnis und blickte mit Sorge auf eine schwierige Zeit, die bevorstand. Mitten in diese Lage hinein verkündete der Prophet die Zusage Gottes.
„Fürchte dich nicht" – der Blick bleibt auf dem Heiland
Interessant sei, dass der Prophet nicht behauptet, die bedrückenden Umstände seien unwirklich oder würden sich anders entwickeln. Stattdessen lautet der Aufruf: „Schaue nicht ängstlich dich herum" – so in anderen Bibelübersetzungen. Der Blick solle sich nicht ängstlich umherwenden, sondern auf den Heiland der Welt gerichtet bleiben. Das Jahresmotto „Glaube nur" begleite diese Ermutigung durch das ganze Leben.
„Ich bin mit dir" – eine Beziehung, keine Distanz
Im Urtext sei die Zusage Gottes noch eindrucksvoller: Die hebräische Formulierung verkürzt sich auf die kraftvollen Worte „Denn mit dir, ich" – das Verb fehlt sogar. Gott stellt damit eine ganz persönliche Beziehung her: Du, ich. „Wir sind nicht irgendwie ein Sandkorn im Lauf der Geschichte, irgendetwas, was der liebe Gott nicht beachtet, sondern er stellt eine Beziehung zu dir und zu mir her", betonte der Apostel.
Dies gelte besonders auch für die sakramentalen Handlungen: In der heiligen Wassertaufe stellt Jesus Christus den Menschen in seine Nachfolge, in der heiligen Versiegelung entsteht Gotteskindschaft. Gott stelle sich dabei nicht dem Menschen gegenüber als ein fordernder Gott, dem man sich immer wieder rechtfertigen muss – sondern an seine Seite. Und er bleibe auch da, auch wenn der Mensch zweifelt, scheitert oder das Gefühl hat, alles nicht mehr spüren zu können. Das ändere nichts an der Tatsache, dass Gott an unserer Seite ist.
„Denn ich bin dein Gott" – der große Gott für den Einzelnen
Der Apostel lud die Gemeinde ein, den Satz immer wieder langsam zu lesen: Hier heißt es nicht einfach „Ich bin Gott", sondern „Ich bin dein Gott". Dieser große Gott, der alles gemacht hat, erlaubt dem Menschen, zu ihm zu sagen „Vater" oder „mein Gott" – eine ganz direkte Ansprache, bei der uns das Herz aufgehen kann.
Wie großartig diese Zusage ist, zeigten biblische Beispiele: Mose stand dem mächtigsten Mann seiner Zeit, dem Pharao, gegenüber – mit unsicheren politischen Verhältnissen und einem eigenen Volk, das ihn nicht unbedingt annehmen wollte. Abraham war nur der Anführer einer kleinen Sippe mit ein paar Viehherden. Und genau dieser Gott stellt sich hinter und neben solche Menschen. Er nahm Mose auch sein Handicap – das schlechte Sprechen – nicht weg. „Der liebe Gott scheint einen Hang zu haben zu den Schwachen und zu denen, die ein bisschen am Rand stehen", so der Apostel.
Gott umgibt uns von allen Seiten, geht uns voraus und steht uns zur Seite. In dem Bild betrachten beide gemeinsam dieselbe Richtung: das Ziel. „Wir haben das gemeinsame Ziel im Blick – und Gott lässt es nicht aus den Augen." Das lasse uns sicher sein.
„Ich stärke dich" – Kraft statt Komfort
Gott sagt nicht: „Ich bringe das alles für dich in Ordnung", er räumt Sorgen, Krankheit, Tod und die Folgen eigener Fehler nicht einfach aus dem Weg. Aber er verspricht: „Ich stärke dich." Der Prophet Jeremia überliefert dasselbe Anliegen in anderen Worten: „Ich schenke dir Zukunft und Hoffnung." Gott verschönere nicht die Straße, die vor uns liegt – aber dort, wo der Mensch denkt, es sei zu Ende, schenkt er Zukunft und Hoffnung. Auch wenn der Mensch in den Spiegel schaut und fragt: „Was soll schon aus mir werden?" – Gott sieht in ihm jemanden, der das schafft.
„Ich helfe dir auch" – der kleine Finger des Vaters
Ein lebendiges Bild verdeutlichte die Art, wie Gott hilft: Ein etwa einjähriges Mädchen mühte sich im Garten ab, ein paar relativ steile Treppenstufen hochzukommen. Auf halber Strecke bekam es Angst und schaute sich nach dem Vater um. Der kam – hob das Kind aber nicht hoch und gab ihm nicht einmal die ganze Hand. Er reichte ihm nur den kleinen Finger. Das Kind hielt sich daran fest und ging die restlichen Stufen hinauf.
So, sagte der Apostel, helfe auch Gott: ohne große Wunder, die die Welt aus den Angeln heben, aber in spürbarer Nähe – im Gebet, im Gottesdienst, in der Feier des Heiligen Abendmahls, im Segen. „Ich spüre die Wärme Gottes. Ich spüre dieses: Ich stärke dich in einem Gebet." Der Vater sagt zum Kind nicht: „Es sind nur noch drei Stufen, streng dich an, das kriegst du hin." Dieser Leistungsgedanke sei nicht der Gedanke Gottes.
Gott hilft auch dann, wenn der Mensch am Boden liegt. Er warte nicht, bis man sich selbst aufgerappelt hat, frage nicht ab und warte nicht auf eine Bilanz oder Leistungsdarstellung. Er kommt zu uns, wenn wir das Gefühl haben: Es geht gar nichts mehr.
Der leidende Christus versteht unsere Situation
Wer sich hilflos fühlt, innerlich gestolpert ist oder an den Rand gedrängt wurde, könne auf den Herrn blicken: Der Sohn Gottes hat Verlassenheit, Verrat und das Zeichen des Kreuzes – Zeichen der Verlassenheit und des scheinbaren Scheiterns – selbst körperlich erfahren. „Gott ist da. Er wartet nicht, bis du selbst den Ausweg gefunden hast, sondern er hilft dir aus dieser Situation heraus."
Bereits geleistete Hilfe in der Zukunft
Ein bemerkenswerter Blick in die Originaltexte rundete die Predigt ab: Die Zusagen „Ich stärke dich, ich helfe dir auch" stehen dort nicht einfach in der Zukunft, sondern in einer Form, die sich grammatikalisch kaum übersetzen lässt – einer „perfekten Gewissheitsform": „Ich habe dir geholfen – allerdings in der Zukunft. Ich habe dich gestärkt – allerdings in der Zukunft." Gottes Hilfe ist also nicht etwas, das er erst verspricht; sie ist gewissermaßen bereits geschehen, auch wenn sie sich noch zeigt. „Für Gott gibt es nicht Zukunft und Gegenwart." So können die Gottesdienstbesucher in die kommenden Tage hineingehen: Gott ist da.
„Die rechte Hand meiner Gerechtigkeit" – die Hand der Ehre
Der Schluss des Bibelwortes trägt noch eine eigene Signatur: Gott ist der gerechte Gott, der den Armen zu ihrem Recht verhilft und denjenigen im Blick hat, den die heutige Gesellschaft vielleicht gar nicht mehr sieht. Er hält den Menschen an seiner rechten Hand – der Hand der Ehre. Nicht irgendwo in der Nähe, sondern dort, wo auch Stephanus am Kreuz stand: „Der Sohn Gottes steht zur Rechten Gottes." Es ist nicht das Verdienst, nicht die Leistung, nicht das, was der Mensch einbringen kann. Aber es ist Gottes Zusage: „Ich werde mit dir dieses Ziel des Glaubens erreichen."
Lasst uns mit Mut und Zuversicht vorangehen, mehr auf ihn schauen als auf das, was uns Sorgen machen könnte, und mehr als auf unsere eigenen Fähigkeiten – in Gebeten, in Gottesdiensten und in der Feier des Heiligen Abendmahls. Er ist der große Gott, der an unserer Seite steht und mit uns gemeinsam auf das Ziel des Glaubens hinschaut.
Neuapostolische Kirche